Leseprobe "Netzinfarkt"
Abdul war froh, einen der 53 Sitzplätze in der ersten Klasse
gebucht zu haben. Es war auch nicht irgend ein Sitzplatz der ersten Klasse, sondern ein
Platz direkt im Triebwagen. Nur eine Glasscheibe trennte Abdul von der Fahrerkabine. So
hatte man die Möglichkeit, die ganze Fahrt aus Sicht des Fahrers zu betrachten. Die
Schienen flogen nur so unter dem Zug hinweg. Die starken Motoren des ICE Typ 3 brachten
dem Zug eine Geschwindigkeit von weit über 300 Kilometer in der Stunde. Natürlich wurde
die enorme Geschwindigkeit nicht über die gesamte Fahrzeit beibehalten, aber immerhin
schmolz die Strecke Frankfurt-Köln auf etwas über eine Stunde. Da lohnte es sich kaum,
das Flugzeug zu nehmen. Im Moment war die Geschwindigkeit noch nicht sehr hoch, man befand
sich kurz hinter dem Flughafen Frankfurt, und der Zug beschleunigte noch. Abdul war schon
am Hauptbahnhof eingestiegen, das hatte er sich nicht nehmen lassen. Zu lange hatte er
schon auf diesen Tag gewartet. Endlich war es so weit. Er genoss die Aussicht aus dem
Fahrerfenster. Es gefiel ihm. Die Erbauer dieser gewaltigen Maschine hatten auch an die
Passagiere gedacht. Aber das war es nicht, weshalb er sich über sein Ticket der ersten
Klasse so freute. Es hatte eher praktische Gründe. Das, was er tun wollte, war nur hier
vorne wirklich erfolgversprechend. Die dummen Menschen. Sie machten peinlich genaue
Kontrollen für jedes Flugzeug, das Frankfurt verließ. Das war offenbar wichtig, weil so
viele Menschen darin saßen. Aber da hörte die Mühe, die sie sich gaben, auch schon auf.
Abdul hatte sich erkundigt. In einem Mehrsystem-ICE hatten 404 Menschen Platz, in einem
Einsystem-Zug sogar 415.
Es sollte Aufsehen erregen, hatte man ihm gesagt. Und genau das würde es tun. Aufsehen
erregen. Für Abdul war es der Schlüssel zum Paradies. Allah würde ihn willkommen
heißen in seinem Reich. Und es hatte niemand mehr verdient als er. Fünf Jahre hatte er
in diesem entsetzlichen Land zugebracht. Dass die Menschen kein Verständnis für seine
Religion hatten, war eine Sache. Aber sie hatten noch nicht einmal Verständnis für ihre
eigene Religion. Sie lebten alle nur für materiellen Reichtum. Um das zu erlangen, war
ihnen beinahe jedes Mittel recht. Sie logen und betrogen, verrieten ihre besten Freunde,
ließen ihre Familien im Stich, nur um an noch mehr Geld heran zu kommen. Das beste Mittel
war der harte Ellenbogen, wenn man etwas erreichen wollte. Nicht einmal hatte Abdul einen
Deutschen gesehen, der sich auf der Straße zum Gebet niedergelassen hatte. Die
Gotteshäuser ihrer Religion waren mehr leer als voll. Die Sympathie eines Menschen war
stark davon abhängig, was er besaß. Dann regten sich immer alle darüber auf, wenn eine
Frau vergewaltigt wurde. Dabei waren sie doch alle selbst schuld! Nicht genug damit, dass
sie ihr Haar offen trugen und ihr Gesicht unverhüllt zu erkennen gaben. Häufig, gerade
im Sommer, war bei den Frauen mehr Haut als Stoff zu sehen! Freie Bauchnabel, teils sogar
geschmückt mit teuren Ringen, waren zu sehen, ebenso wie große Teile der nackten Beine!
Bei der jüngeren Generation hatte Abdul auch schon Teile des Gesäßes entdeckt, weil die
Hosen nach oben hin einfach nicht darüber reichten. Er selbst hatte schon die Brut des
Verlangens in sich gespürt, und konnte sich nur schwer beherrschen. Und da jammerten die
Menschen, dass so oft etwas passierte. Wenn Abdul jemals Zweifel gehabt hatte: seitdem er
in Deutschland lebte, gab es nicht den geringsten mehr! Der Koran hatte recht, mit jeder
einzelnen Silbe. Und diese Ungläubigen würden es zu spüren bekommen. Es würde ihnen
niemals gelingen, ihre Sicherheitsvorkehrungen so weit auszudehnen, dass die richtende
Hand Allahs keinen Zugriff mehr hätte. Es war alles so einfach. Frankfurt war ein
Schlaraffenland für Leute, die Waffen suchten. So brauchte Abdul sich auch keine Gedanken
darüber zu machen, ob ihn jemand am Ende noch hindern könnte, seine Mission zu
erfüllen. Die neun Millimeter Pistole in seiner Tasche würde schnell jedes Problem aus
dem Weg räumen. Den Verbindungsmann zu dem Sprengstofflieferanten hatte er bereits in
seiner Heimat genannt bekommen. Seine Heimat. Nie würde er sie mehr wieder sehen. Aber
die Erinnerung war stark genug. Er konnte sich an jede Einzelheit erinnern. Und niemand
würde ihn vergessen. Seine Familie wird stolz auf ihn sein, seine Freunde werden ihn
einen Helden nennen. Die ganze Welt würde seinen Namen kennen. Und unter der Obhut von
Allah wird er auf sie nieder blicken und die Wirkung seiner Tat bewundern.
Für einen kurzen Moment überkamen ihn Zweifel. Nicht darüber, ob sein Tun richtig war,
denn das stand außer Frage. Aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Sprengstoff
an der Brücke zu deponieren. Wenn sie einstürzte, dann war ein Entgleisen des Zuges
unausweichlich. Der Sprengstoffexperte hatte ihm jedoch gesagt, dass die Sprengung einer
großen Brücke genaue Kenntnisse über die Statik des Objektes erforderte. Wenn die
Ladung an einer falschen Stelle angebracht war, würde sie ihre Wirkung verfehlen. Abdul
war alles andere als ein Experte in diesen Dingen. Deshalb hatte er sich entschieden, es
doch im Zug zu tun. Ganz vorne, auf der linken Zugseite stehend, würde die mächtige
Druckwelle den Zug anheben und nach rechts aus den Schienen katapultieren. Wenn Abdul den
Auslöser direkt in der Mitte der Brücke drückte, würde der Triebwagen den gesamten,
restlichen Zug mit in die Tiefe reißen. Ohne die geringste Nervosität drehte der Mann
sich um und betrachtete die anderen Fahrgäste. Bald würde keiner von ihnen mehr leben.
Da war die junge Mutter mit ihrem ständig nörgelnden Kind. Der Geschäftsmann, der
fortwährend auf der Tastatur seines Laptops herumklimperte. Das ältere Ehepaar, welches,
offenbar in Urlaubsstimmung, hin und wieder laut auflachte. Viele Menschen, die für Abdul
ohne Gesicht und Persönlichkeit waren. Sündiger, die nicht die leiseste Ahnung von dem
hatten, was sie in Kürze erwartete. Niemand, der Abdul besondere Beachtung schenkte.
Warum auch? Er war ein Fahrgast wie jeder andere auch. Und ein Attentat auf einen großen
Zug würde niemand erwarten. Vor abstürzenden Flugzeugen hatte man Angst. Hier fühlte
sich jeder sicher. Auch der große Unfall bei Eschede hatte langfristig nichts daran
geändert.
Das kleine Kind kam plötzlich auf Abdul zugerannt. Es handelte sich um ein Mädchen von
vielleicht drei Jahren. Es lachte Abdul fröhlich an, blieb direkt vor ihm stehen, zeigte
auf Abduls Gesicht, und sagte: "Bart!" Dabei lachte das Kind giggelnd. Mit
seinen zotteligen, roten Haaren und den vielen Sommersprossen im Gesicht sah es so
unschuldig aus. Die Augen blickten ihn offen und direkt an. Abdul lächelte zurück. Ich
werde dich davor bewahren, dass du ebenso verdorben wirst wie deine Mutter, dachte Abdul.
Er streichelte ihr über das Haar. Dann drehte sich das Mädchen um und lief laut lachend
zur Mutter zurück. Die sah zu Abdul herüber und lächelte ebenfalls. Sie war schön.
Wohlbeleibt, wie es sich für eine gute Mutter gehörte. Die Bluse war so weit
aufgeknöpft, dass der Ansatz ihrer Brüste zu sehen war. Angewidert schaute Abdul zur
Seite. Eine Weile lauschte er nur den leisen Fahrgeräuschen der Bahn. Fast war es in
diesem Fahrzeug, als würde man fliegen, so ruhig glitt der Hochgeschwindigkeitszug über
die extra für ihn entwickelten, neuartigen Gleise. Die Übergänge der einzelnen
Schienenteile waren nicht zu merken, und die Kurven waren so weit gebaut, dass man sie
kaum spürte.
Bei dem Blick aus dem Fenster sah Abdul, dass es nicht mehr weit war. Mit einem
schnappenden Geräusch ließ er die Verschlüsse seines Pilotenkoffers aufspringen. Dann
öffnete er die Tasche und sah hinein. Der Plastiksprengstoff mit dem einfachen Namen C4
füllte fast den gesamten Innenraum aus. Man hatte ihm gesagt, dass es mehr als ausreichen
würde. In der rechten Ecke befand sich der Schalter. Wenn er ihn umlegte, würde es
geschehen. Die beste Tat seines Lebens stand kurz bevor. Ein unsagbares Glücksgefühl
machte sich in ihm breit. Er durfte ein Auserwählter sein! Wie wenigen wurde doch dieses
Glück zu teil! Seine Kinder werden mit Ehre überschüttet werden.
Und all diese Leute in dem Zug hatten keine Ahnung. Ihr Leben lang hatten sie gesündigt,
und wussten nicht, dass sie nun gerichtet würden. Allah war groß. Manchmal war er sehr
geduldig, aber irgendwann vollzog er sein Werk an jenen, die es verdienten. Und heute war
Abdul Allahs ausführende Hand. Abduls Glücksgefühl wuchs mit jeder Sekunde.
Gleichzeitig stieg die Spannung in ihm. Er durfte den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen.
Würde er zu spät abdrücken, dann konnte es passieren, dass die nachfolgenden Wagen nur
umkippten. Es wäre die Möglichkeit gegeben, dass es Überlebende gab. Dasselbe konnte
geschehen, wenn er zu früh auf den Zünder drückte. Höchste Konzentration war jetzt
gefragt. Wie würde er vor Allah dastehen, wenn sein Vorhaben misslang? Aber er würde
nicht versagen, da war er sich sicher. Zum zwanzigsten Mal fuhr er diese Strecke nun,
kannte sie in und auswendig, wusste jeden vorbeihuschenden Ort im Voraus. Genauso kannte
er den Tunnel, in den der Zug soeben einfuhr. Und niemand war da, der ihn zu hindern
versuchte. Wie hätte auch jemand ahnen können, was er in seiner Tasche trug, deren
Transport ihm wegen des hohen Gewichts so schwer gefallen war. Plötzlich, kurz nach
Verlassen des Tunnels, tauchte sie vor ihm auf: die Brücke, die sein Grab werden würde.
Rechts daneben befand sich die Autobahnbrücke der A3. Mit etwas Glück würde die
Explosion auch Auswirkungen auf sie haben. Abdul hatte ein verzücktes Lächeln im
Gesicht, während er der schnell nahenden Brücke entgegensah. Stolz erfüllte ihn. Er
hatte an alles gedacht. Sogar daran, nicht einen Zug in den Abendstunden zu nehmen, weil
der ICE da aus Lärmschutzgründen mit verminderter Geschwindigkeit über die Brücke
fuhr. Das hatte seinen guten Grund, denn direkt neben der Brücke breitete sich
Niedernhausen aus. Es gab Anwohner, die weniger als hundert Meter von der Brücke entfernt
wohnten. Zwar stand noch die breite Autobahnbrücke dazwischen, die auch über eine
durchsichtige Schallschutzmauer verfügte, aber bei einer Geschwindigkeit über 200
Stundenkilometer reichte das nicht aus.
Sie fuhren gerade auf die Brücke ein, als etwas an seiner Kleidung zerrte. Erschrocken
drehte Abdul sich um, und blickte direkt in die Augen des kleinen Mädchens.
"Bart", sagte sie, wobei sie ihn anstrahlte.
Abdul lächelte zurück. "Bart", antwortete er, und drückte den Knopf.
Der Sprengstoff war viel stärker, als Abdul es für möglich gehalten hatte, aber das
bekam er nicht mehr mit. Gemeinsam mit dem kleinen Mädchen wurde er im Bruchteil einer
Sekunde annähernd pulverisiert.